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Dr. Andreas Müller - Erinnerungen

20.08.2014



Schon als Kind wollte ich immer stark sein. Nicht aus sportlichem Ehrgeiz, sondern weil ich sehr früh die Auffassung entwickelte, dass physische Kraft eine Grundvoraussetzung ist, um sich wehren zu können.

Im sächsischen Arbeitermilieu meiner Kindheit ging es nicht sonderlich sensibel zu. Die alten Leute aus meiner Nachbarschaft erzählten mir ständig von den Grausamkeiten des letzten Weltkrieges, den sie noch selbst miterlebt hatten, offenbar ohne sich Gedanken darüber zu machen, wie ich kleiner Knirps das verarbeiten soll. Faustrecht war allgegenwärtig, „Kloppereien“ und Misshandlungen von Jüngeren durch ältere Kinder gehörten zum Alltag. Mein Vater, Lkw-Fahrer im Uranbergbau und ehemaliger Boxer, vertrat diesbezüglich eine klare pädagogische Position: „Komm mir nach einer Schlägerei heulend heim, dann kriegst du von mir gleich noch eine Tracht Prügel.“ Ich heulte nie, aber ich ging auch nie einer „Meinungsverschiedenheit“ aus dem Weg. Einmal kam ich grün und blau geschlagen nach Hause. Seine erste Frage lautete: „Und – wie sieht der Andere aus?“ – „Genauso!“, schniefte ich durch die geschwollenen Lippen. Er lächelte zufrieden und holte Verbandszeug.

Mein Vater zeigte mir auch, wie man Liegestütze, Kniebeugen und Klimmzüge ausführt, noch bevor ich in die Schule kam, und kaufte mir später meinen ersten Expander. Insofern war er der beste Vater, den ich haben konnte. Von Bodybuilding freilich wussten weder er noch ich zu dieser Zeit etwas. Mir ging es um Kraft, und die, so war ich überzeugt, wächst, wenn die Muskeln wachsen.

Im Jahr 1974, im Alter von 12 Jahren, begann ich damit, regelmäßig und systematisch zu trainieren. Meine erste Trainingsübung waren Liegestütze. Ich begann mit einem Satz zu 50 Wiederholungen pro Tag und steigerte mich innerhalb der folgenden zwei Jahre auf mehr als 700 Wiederholungen. Mein Rekord waren 770 Liegestütze in 37 Minuten, danach brach ich die Sache ab, weil ich, wohl aufgrund abgeklemmter Nerven, einige Finger wochenlang nicht mehr spürte. In der Zwischenzeit hatte ich damit begonnen, mein Krafttraining durch Expander- und Hantelübungen zu ergänzen. Fitnessstudios gab es nicht und Hanteln für das Training zu Hause waren Mangelware, aber ein Schulfreund verfügte über einige simple Eigenbau-Hanteln, mit denen wir Armbeugen und, auf dem Fußboden liegend, Bankdrücken trainierten. Außerdem hatte ich auf einem Spielplatz ein Klettergerüst entdeckt, an dem ich allein oder mit ein, zwei anderen „Verrückten“ vorzugsweise in den Abendstunden Klimmzüge, Dips und Beinheben trainierte. Besonders abenteuerlich war das im Winter, wenn das Gerüst völlig vereist war und erst mit einer Kerze oder einem Feuerzeug und einem Handtuch „vorbehandelt“ werden musste. Doch die Übungen an dem Klettergerüst waren unverzichtbar für das Ziel, das ich inzwischen anpeilte.

Dr. Andreas Müller
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Erste Schritte als Wettkämpfer


Klimmzüge und Dips wurden meine ersten Wettkampfübungen, als ich mich ab Mitte der 1970er-Jahre regelmäßig an den in der DDR sehr populären „Kraftsport-Fernwettkämpfen“ beteiligte. Zwischen 1977 und 1980 gewann ich bei diesen Wettbewerben auf Kreis- und Bezirksebene alles, was es zu gewinnen gab. 1980 wurde ich „Stärkster Schüler der e r w e i t e r t e n Oberschulen des Bezirks Karl-Marx-Stadt“, danach war Schluss, weil es für die „Erweiterten Oberschulen“ (dem DDR-Pendant zu den heutigen Gymnasien) kein DDR-Finale gab. Ich war darüber allerdings nicht sonderlich traurig, weil mich zu diesem Zeitpunkt eigentlich nur noch Bodybuilding wirklich interessierte.

In der DDR nannte man Bodybuilding „Körperkulturistik“ oder einfach „Kraftsport“. In der sächsischen Provinz der 1970er-Jahre jedoch war das eine so unbekannt wie das andere. Als 14-Jähriger hatte ich in einem 10 Kilometer entfernten Nachbarort eine kleine Trainingsgruppe aufgestöbert, die in einer alten Turnhalle mit ein paar rostigen Hanteln, einer Holzbank und einem selbstgebauten Zuggerät Bodybuilding betrieb. Diese Halle wurde mein „Gold’s Gym“, der Mittelpunkt meines Lebens, der Ort, an dem ich meine Jugend verbrachte. Zunächst trainierte ich dreimal pro Woche, mit 16 begann ich damit, sechsmal pro Woche zu trainieren. Da die Trainingsgruppe ständig Zuwachs erhielt, war es normal, dass man sich bei den Übungen die Hanteln teilte oder auch mal warten musste, bis man beispielsweise die Trainingsbank oder das Zuggerüst nutzen konnte. Drei bis vier Stunden Trainingszeit pro Tag waren für mich unter diesen Umständen völlig selbstverständlich. Von Anabolika wusste ich noch nichts, und das war wohl auch gut so...

Mein Abitur machte ich eher nebenbei. Heute würde ich das alles etwas anders angehen. Aber der Erfolg blieb nicht aus, als 18-Jähriger wurde ich Bezirksmeister im „Kraftsport-Fünfkampf“ – Bankdrücken, Kniebeugen, Klimmzüge, Schlusssprung und Körperbewertung. Bei der Körperbewertung stellte ich gleich einen neuen DDR-Rekord in meiner Altersklasse auf. Dann kam die Hürde, vor der ich mich am meisten fürchtete: 18 Monate „Nationale Volksarmee“! Ich wusste vom Hörensagen, dass es bei der DDR-Armee mit Trainingsbedingungen für Bodybuilder oft ganz schlecht aussah. Aber auch bei der Armee gab es regelmäßig Wettkämpfe zur Ermittlung des „Stärksten Mannes der NVA“. Als erfolgreicher Teilnehmer dieser Wettkämpfe, so hoffte ich, würde ich Gelegenheit zum Krafttraining eingeräumt bekommen, weil die Einheiten untereinander im Wettbewerb standen. Und genau so lief es dann auch ab. Ich schaffte es bis ins Finale der Landstreitkräfte und bekam die Erlaubnis zur regelmäßigen Nutzung der Kraftecke in der Regimentsturnhalle.

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Gut die Hälfte der Zeit, die ich dort verbrachte, nutzte ich allerdings, um meiner heutigen Frau ungestört von irgendwelchem Kommandogebrülle lange Briefe zu schreiben.

Als ich 1980 mit 18 Jahren zur Armee kam, lag meine Bestleistung im Bankdrücken bei 150 kg. Im Mai 1982 betrat ich als frisch gebackener Zivilist zum ersten Mal wieder den Kraftraum meiner Neukirchener Turnhalle und drückte auf Anhieb 160 kg. Nun gab es kein Halten mehr. Bezirksmeisterschaften im Bodybuilding und Kraft-Zweikampf gewann ich regelmäßig, und 1986 schaffte ich nach zwei vergeblichen Anläufen auch zum ersten Mal die Qualifikation zur DDR-Meisterschaft im „Kraftsport-Dreikampf“, wie man Bodybuilding in der DDR damals offiziell nannte. Das war eigentlich auch immer das Ziel – unter die besten Sechs zu kommen, das Finale zu erreichen, bis zum Schluss dabei zu sein. Irgendwann den Titel zu holen, erschien mir dagegen eher als eine Art „Träumerei“, denn ich wusste seit 1979, dass wohl die meisten meiner Konkurrenten mit Anabolika („Oral Turinabol“) nachhalfen.

Als ich während einer Meisterschaft einmal beiläufig erwähnte, dass ich clean bin, drohte mir jemand Prügel an, weil er sich veralbert fühlte. Aus dem Prügelalter war ich raus, also umging ich das Thema fortan lieber...

Lest im zweiten Teil mehr über die Trainingsbedingungen der DDR und die ersten Wettkämpfe im Westen.

Von Dr. Andreas Müller





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