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Die Bedeutung der Muskelreife

12.03.2014



Innerhalb der letzten ca. zwölf Jahre konnte ein interessantes Phänomen beobachtet werden. Ich spreche hier nicht von einem Phänomen, das innerhalb der durchschnittlichen Bevölkerung oder selbst unter den meisten Fitness-Profis für besonderes Aufsehen gesorgt hat.

Im Natural-Bodybuilding-Sport ist diese im Folgenden genauer beschriebene Entwicklung aber nicht mehr zu ignorieren. In den letzten Jahren wurde zunehmend deutlich, dass eine immer größer werdende Zahl an Topathleten älteren Jahrgangs ist. Lange Zeit wurde Natural Bodybuilding als ein Sport angesehen, der sich insbesondere für junge Männer eignet. Heutzutage gehen aber immer häufiger Athleten in einem Alter von Ende 30, über 40 oder sogar über 50 Jahren als Sieger bei Wettkämpfen hervor. Athleten im fortgeschrittenem Alter, die der Meinung sind, dass sie ihre besten Tage bereits hinter sich haben, können aus den Ergebnissen wissenschaftlicher Studien zur Untersuchung der bestehenden Gründe für diese sportliche Entwicklung durchaus Motivation für das Erzielen weiterer Fortschritte in ihrer Körperentwicklung ziehen. Und jüngere Athleten, die eventuell darüber frustriert sind, dass ihre Muskulatur noch nicht das „körnige“ Erscheinungsbild wie bei älteren Sportskollegen zeigt, können aus diesen wissenschaftlichen Erkenntnissen ebenfalls Hoffnung für ihre weitere sportliche Laufbahn schöpfen.

Lassen Sie mich zunächst aber auch klarstellen, dass ich der Meinung bin, dass die Ursache für diesen aktuellen Trend bei der Bewertung von Natural-Bodybuilding-Wettkämpfen direkt mit den aktuell gültigen Bewertungskriterien der Wettkampfathleten in unserem Sport zusammenhängt. Während bei anderen Verbänden, in denen keine Dopingtests durchgeführt werden und beispielsweise nicht auf den Gebrauch von Steroiden, Testosteron und Wachstumshormon getestet wird, durchaus der Athlet mit der größten Muskelmasse als Sieger eines Wettkampfes die Bühne verlassen kann, legen Natural-Bodybuilding-Verbände größeren Wert auf das Verhältnis von Muskelhärte zu Muskelvolumen. Falls andere Verbände ebenfalls dazu übergehen sollten, Muskelhärte anstatt Muskelmasse stärker in den Fokus zur Bewertung ihrer Wettkampfathleten zu rücken, kann ich mir gut vorstellen, dass eine noch größere Zahl von Athleten mit Ende 30 oder sogar Ende 40 als Sieger eines Wettkampfes hervorgehen.

Die Bedeutung der Muskelreife für erfolgreiches Bodybuilding ist seit jeher bekannt. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich als 22-jähriger Nachwuchsathlet meine Bodybuilding-Karriere begann. Damals musste ich häufiger enttäuscht feststellen, dass einige der Athleten, die sich vor mir platzieren konnten, nicht unbedingt sehr viel massiver oder deutlich definierter waren, dafür aber fast immer älter als ich. Diese Beobachtung wurde mir oftmals auch von der Jury auf Anfrage nach den Gründen für meine nicht so gute Platzierung bei einem Wettkampf bestätigt. Mehr als einmal sagten mir die Juroren im Anschluss an einen Wettkampf, dass mein Körper zwar eine gute Linie, eine schöne Symmetrie und eine insgesamt ansprechende Form zeigte, aber dass meine Physis insgesamt noch etwas mehr Zeit zur „Reifung“ benötigen würde, und dass ich mit dem hart definierten Aussehen meiner älteren Konkurrenten noch nicht mithalten könne. Ich brauche wohl nicht besonders zu betonen, dass mich diese Aussagen der Juroren sehr betrübten. Schließlich wollte ich zum damaligen Zeitpunkt bereits der Beste sein.

Ich tat alles dafür, um noch mehr Muskelmasse aufzubauen und meinen Körperfettanteil zu minimieren. Nichtsdestotrotz trafen die Juroren mit ihrer Analyse meines „Problems“ den Nagel auf den Kopf, denn ich konnte feststellen, dass meine Muskulatur mit jedem weiteren Trainingsjahr ein anderes Erscheinungsbild bekam. Meine Muskeln wurden im Laufe der Zeit härter, voller und anscheinend auch dichter – und das ungeachtet dessen, dass ich über viele Jahre mit konstantem Körpergewicht und mit nahezu gleichem Körperfettgehalt als Wettkämpfer an den Start ging. Natürlich spielte bei der Veränderung meines körperlichen Erscheinungsbildes auch der Aufbau von neuer Muskelsubstanz und besserer Ernährung eine Rolle. Dennoch kann ich mit voller Überzeugung die Aussage treffen, dass es auch durchaus längere Zeiträume gab, in denen ich lediglich älter wurde und in denen ich keine neue Muskelsubstanz aufbauen konnte. Erstaunlicher weise kam es in solchen Phasen trotzdem zu einer deutlichen Verbesserung meines Äußeren.

Die bei der Durchführung verschiedener Tierversuche gewonnenen Erkenntnisse stützen diese Wahrnehmung. Diese Versuche ermöglichen einen Einblick, inwiefern der Alterungsprozess dazu beiträgt, die Muskulatur härter erscheinen zu lassen. So wurde beispielsweise die Fleischbeschaffenheit toter Rinder unterschiedlichen Lebensalters untersucht. Das Ergebnis war, dass das Fleisch von jüngeren Tieren im Vergleich zum Fleisch ihrer Artgenossen mit höherem Lebensalter deutlich zarter war.

Eine weitere, im Jahr 2006 durchgeführte Studie bestätigte nicht nur die gröbere Konsistenz des Fleisches von Rindern höheren Alters, sondern erbrachte auch den Nachweis, dass das Fleisch jüngerer und mittelalter Tiere weniger intramuskuläres Fett aufwies als das Fleisch älterer Rinder. Dieses Versuchsergebnis lässt sich allerdings nicht ohne Weiteres auf den Menschen übertragen, denn der Gehalt an intramuskulärem Fett im menschlichen Körper verringert sich nicht zwangsläufig mit fortschreitendem Alter. Aber natürlich kann der Körperfettanteil durch regelmäßiges Training gesenkt oder in Schach gehalten werden, denn Fett ist (ebenso wie Glykogen) eine der hauptsächlichen Energiequellen für die Muskelarbeit. Zweifelsohne spielt die durch das Widerstandstraining aufgebaute Muskulatur einen entscheidenden Aspekt für das körperliche Erscheinungsbild des Menschen.

Martin Schaaf by Konrad Wolff
Foto: Martin Schaaf by Konrad Wolff - vergrößern


Eine weitere Studie konnte belegen, dass die Muskelhärte von Tieren in direktem Zusammenhang mit der Stärke ihres Bindegewebes steht. Muskeln, die von einem schwachen Bindegewebe umgeben sind, verändern sich während des Alterungsprozesses kaum, wohingegen Muskeln mit starkem Bindegewebe eine im Vergleich zu Muskeln mit schwachem Bindegewebe dreifach so hohe Festigkeit aufweisen. Würde zwei Männern desselben Alters (aber mit unterschiedlichem sportlichen Aktivitätslevel) eine Muskelprobe entnommen, dann böte sich beim direkten Vergleich des Querschnitts der entnommen Muskelfasern folgendes Bild: Die Muskelfasern des unsportlichen Mannes würden sich bezüglich der Dicke, des Gehalts an intramuskulärem Fett und des Muskeltonus deutlich von den Muskelfasern des anderen Mannes unterscheiden, der bereits seit vielen Jahren aktiv Widerstandstraining betreibt. Da das äußere Erscheinungsbild der Muskulatur für Natural Bodybuilder von besonderem Interesse ist, müssen wir uns auch die Bedeutung der Haut als die „Hülle“ der Muskulatur ansehen. Die Dicke der Epidermis wird durch zwei Faktoren bestimmt,nämlich erstens durch das Unterhautfettgewebe und zweitens durch das Kollagen. Eine Verringerung des Unterhautfettgewebes kann durch Training erreicht werden und ist der wichtigste Aspekt für alle Sportler – nicht nur für Natural Bodybuilder –, die eine verbesserte Muskeldefinition präsentieren möchten. Kollagen ist ein Protein, das der Haut eine weiche Beschaffenheit verleiht. Mit hoher Wahrscheinlichkeit lässt sich der Kollagenanteil der Haut nicht durch die Ernährung oder das Training beeinflussen, und mit fortschreitendem Alter unterliegt der Kollagengehalt sowohl bei Männern als auch bei Frauen natürlichen Abbauprozessen. Interessanterweise ist Kollagen auch ein Hauptbestandteil des die Muskelfasern umgebenden Bindegewebes.

Mit höherem Alter verringert sich die Kollagendichte, und das hat Folgen für die Festigkeit der Muskulatur. Nehmen wir einmal an, dass der Anteil an vorhandenem Unterhautfettgewebe sowie an bestehender Muskelmasse über einen längeren Zeitraum relativ konstant bleibt. Mit fortschreitendem Alter und der damit einhergehenden Verringerung der Kollagendichte können wir beobachten, dass die Kollagendichte direkten Einfluss auf das körperliche Erscheinungsbild nimmt, und warum besonders Natural Bodybuilder in einem Alter von Mitte 30 oder Anfang 40 von diesem Prozess profitieren können. Jüngeren Bodybuildern sei aber zu ihrer Beruhigung versichert, dass regelmäßiges Training letztendlich dazu führt, dass die Muskulatur im Laufe der Zeit ebenfalls das härtere Aussehen der Muskulatur ihrer älteren Konkurrenten annimmt.

Obwohl ich mittlerweile 35 Jahre alt bin und ich im letzten Jahr so hart und muskulös wie nie zuvor während meiner bisher dreizehnjährigen Wettkampflaufbahn als Natural Bodybuilder auf der Bühne stand, so bin ich dennoch der festen Überzeugung, dass ich noch weitere drei bis vier Jahre dafür benötige, bis ich meine absolute Bestform erreicht habe. Natural Bodybuilder, die bereits in einem frühen Stadium ihrer Wettkampf-Karriere einen „gereiften“ Körper präsentieren, verfügen über bestimmte genetische Faktoren. Einer der bedeutsamsten dieser genetischen Faktoren ist die Art der Muskelfaser zusammensetzung. Bekanntermaßen besitzen die weißen, schnell kontrahierenden Muskelfasern (Fast Twitch) ein höheres Wachstumspotenzial als die roten, langsam kontrahierenden Muskelfasern (Slow Twitch). Athleten, die aufgrund eines hohen Anteils an weißen, schnell kontrahierenden Muskelfasern schon in jungen Jahren das Wachstumspotenzial ihrer Muskulatur nahezu ausgeschöpft haben, dehnen ihre Haut in einem untypischen Maße, das bei einem mit langsamem oder mittlerem Tempo realisierten Muskelaufbau nicht festzustellen ist. Wenn diese genetisch bevorzugten Athleten dann auch noch über die Fähigkeit verfügen, ihren Körperfettanteil in einen einstelligen Prozent bereich abzusenken, dann befinden sich diese Sportskameraden in der durchaus beneidenswerten Situation, bereits in jungen Jahren ein körperliches Erscheinungsbild zu präsentieren, das ihrer Zeit um „Lichtjahre voraus“ ist.

Ein weiterer Aspekt bezüglich der optischen Erscheinung Ihres Körpers spielt die Hautdicke. Alle Menschen verfügen naturgemäß über eine angeborene Hautdicke. Ein Blick auf verschiedene Bevölkerungsgruppen zeigt, dass die Hautdicke eines Menschen im Zusammenhang mit den klimatischen Bedingungen steht, in denen er lebt. Natürlich spielt auch das Gewichtstraining eine bedeutende Rolle für den Grad des bestehenden Muskeltonus. Es sind allerdings noch weitere Untersuchungen erforderlich, um herauszufinden, ob unterschiedliche Trainings methoden einen direkten Einfluss auf die Kollagendichte bzw. auf die Verringerung derselben mit zunehmendem Alter zeigen. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt existieren keinerlei Studien, die belegen würden, dass bestimmte Trainingsmethoden oder spezielle Trainingsprogramme zu einer besseren Muskelhärte oder zu einer höheren Festigkeit des Bindegewebes führen. Diesbezügliche anderslautende Aussagen sind pure Vermu tungen. Selbst wenn nachgewiesen werden sollte, dass durch die Konzentration auf gewisse Trainingsvariablen (zum Beispiel Volumen, Häufigkeit, Intensität und Gewichtsbelastung im Training) die Ausprägung von Muskelhärte und die Festig keit des Bindegewebes verbessert werden kann, müssten zusätzlich weiterführende Untersuchungen getätigt werden, bei denen überprüft wird, inwieweit spezielle Trainings methoden auch Auswirkungen auf andere Faktoren der Muskelentwicklung zeigen; beispielsweise auf die Erhöhung des Kraft niveaus, die Verbesserung der Widerstandsfähigkeit des Körpers und die Beschleunigung der Erholungs fähigkeit des Organismus. Gegenwärtig besteht Ihre einzige Handlungsoption für den Aufbau eines durchtrainierten Körpers darin, entsprechende Trainingsmethoden einzusetzen und eine zielbewusste Ernährungsweise zu befolgen. Diese Maßnahmen eignen sich immer noch am besten dafür, dass Sie Ihre sportlichen Ziele als Natural Bodybuilder erreichen. Die Zeit und die Natur übernehmen dann den Rest.

von Mike Lipowski





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